Krippenausstellung und Alltagsmenschen

By 23. Oktober 2020 Oktober 27th, 2020 Pressemitteilung

Als 1934 im damaligen Wallfahrts- und Heimatmuseum die erste Ausstellung mit Weihnachtskrippen gezeigt wurde, hat sicherlich niemand daran gedacht, dass damit eine Tradition ihren Anfang nahm, die fast lückenlos bis ins 21. Jahrhundert fortgeführt wird.

In seiner 80. Krippenausstellung zeigt das Museum Relígio ein großes Spektrum, welches von der Volkskunst und Laienschnitzarbeit bis zur modernen Krippeninstallation bildender Künstler

Die aktuelle Ausstellung
Die aktuelle Krippenausstellung präsentiert über 140 Krippendarstellungen – mehr als in den Jahren zuvor für die Ausstellung abgegeben wurden. Natürlich ist die Corona-Pandemie auch in verschiedene Werke eingeflossen, so in die virusförmige Krippe von Franz-Josef Hartmeyer, der Heiligen Familie von Mechthild Jülicher oder den Heiligen Drei Königen des polnischen Künstlers Marian Ulc. Sie kommen mit Mundschutz zur Krippe und bringen Desinfektionsmittel, Kartoffeln und Klopapier. Doch was ist das „Geheimnis der Heiligen Nacht“ in einem von der Corona-Pandemie geprägten Jahr? Dazu schreibt Karl Wehling, ältester Teilnehmer der 80. Krippenausstellung: „Christi Geburt ist leicht dahingesagt, aber die Menschwerdung des Gottessohnes ist das Geheimnis, welches uns anzieht. Gott wird für uns sichtbar in Jesus Christus – erlebbar – er kommt auf uns zu und ist mitten unter uns.“

Die Künstlergruppe H2N interpretieret dies so: Der Mensch ist gefangen in der Welt von Neid, Hass, Gier und Angst. „Wenn wir die biblische Erzählung richtig deuten, dann schaffen wir Menschen diese Erlösung nicht aus eigener Kraft, wir bedürfen der göttlichen Inspiration, einer Begeisterung, die uns hilft, die Dunkelheit zu vertreiben. Das Christkind in der Krippe symbolisiert den Geist, die Vision einer besseren, einer hellen Welt. Wir haben die Krippe leuchtend blau bemalt. Diese Farbe steht seit der Romantik für die Sehnsucht und die Hoffnung auf Befreiung. Insofern sind wir Menschen aufgerufen, den Käfig zu verlassen.“ Dieses Werk steht im Museumgarten.

Die Krippe als Licht(blick), als Wegweiser oder Mittelpunkt einer zerstörten Welt – wie sie in mehreren Werken zu sehen ist – hat sicherlich auch mit den Auswirkungen des Corona-Virus zu tun. Viel stärker als in den Jahren zuvor wird die Gegenwart als Krisensituation empfunden, in der die Geburt Christi einen Hoffnungsschimmer darstellt. Die Telgter Krippenausstellung mit ihren vielen Werken von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlichster sozialer Herkunft und künstlerischer Bildung bietet zur Wahrnehmung der Gegenwart ein vielgestaltiges (Meinungs-)Bild.

Eine Besonderheit der diesjährigen Krippenausstellung sind 13 Beiträge aus einem Wettbewerb, der gemeinsam von arsLITURGICA und der Kirchengemeinde St. Augustinus in Gelsenkirchen veranstaltet wurde. Gesucht wurde eine Krippengestaltung, „die nicht traditionelle Formen wiederholt, sondern dazu verhelfen kann, neue Perspektiven zu entwickeln“, wie es in der Ausschreibung heißt. Wer die Krippenausstellung betritt, kann gleich durch die Arbeit „COMPASSION“ des Bielefelder Künstlers Joachim Staebler schreiten, der sein Modell in Originalgröße umgesetzt hat. Dieses Werk wie auch die weiteren Arbeiten des Wettbewerbs zeigen eindringlich, wie ausdrucksstark und anregend Krippenkunst sein kann.

Besondere Angebote zum Jubiläum

Zur 80. Krippenausstellung bietet das Museum einige Überraschungen: Kinder können an einem

Quiz teilnehmen. Wenn sie das richtige Lösungswort finden, gibt es ein kleines Präsent. Alle 80-jährigen Besucherinnen und Besucher erhalten freien Eintritt. Außerdem wurde ein Selfie-Point für eingerichtet.

 

Krippenausstellung und Alltagsmenschen

Vom 25. November 2020 bis zum 25. Januar 2021 sind parallel zur Krippenausstellung in der Altstadt von Telgte die lebensgroßen Alltagsmenschen der Künstlerin Christel Lechner zu sehen. 40 Betonfiguren werden an insgesamt 14 Standorten in der Telgter Altstadt liebe- und eindrucksvoll in Szene gesetzt: „Alte Bekannte“ und auch einige neue Skulpturen werden den Besucherinnen und Besuchern wieder ans Herz wachsen. Die Figuren sind so lebendig inszeniert, dass sie viel Spielraum für die eigene Phantasie lassen. Leicht überzeichnet, wie in Momentaufnahmen erstarrt, stehen die lebensgroßen Skulpturen den Betrachtern gegenüber: ausdrucksstarke, besondere Charaktere mit menschlichen Zügen. Für den Rundgang benötigt man etwa 60 Minuten. Informationen zu den Alltagsmenschen unter 02504-690-100

Sonderführung: Krippenausstellung und Alltagsmenschen (max. 15 Personen)
Dauer: 60 Min., Kosten 40 Euro plus Museumseintritt
Dauer 90 Min., Kosten 60 Euro plus Museumseintritt
Buchung über museum@telgte.de

 

80 Krippenausstellungen in 86 Museumsjahren

Die Tradition von Weihnachtsausstellungen mit Krippen und später reinen Krippenausstellungen beginnt im Jahr der Museumsgründung 1934 mit der Ausstellung „Die Weihnachtskrippe in der Volkskunst“. Sie hatte 2478 Besucher. Die damals ausgestellt Krippe von Heinrich Budde, einem Kötterssohn aus Greffen, ist noch heute in der Dauerausstellung zu sehen. Außer in den sechs kriegsbedingten Schließungsjahren hat das Telgter Museum in jedem Jahr eine Ausstellung mit Krippen gezeigt. Während der Zeit des Nationalsozialismus waren diese religiösen Ausstellungen durchaus umstritten. Die 1940 gezeigte Ausstellung „Deutsche Weihnacht“ präsentierte nicht nur christliche Weihnachtstraditionen, sondern auch ideologisches Gedankengut.

Doch die Krippenausstellungen waren in den ersten Jahrzehnten keinesfalls die wichtigsten und besucherstärksten Ausstellungen des Museums. Viel mehr Zuspruch erhielten bis Ende der 1960er Jahre die Ausstellungen zum Handwerk, zu Kardinal von Galen oder zur Marienverehrung. Erst Anfang der 1970er Jahre werden mehr als 10.000 Besucherinnen und Besucher gezählt.

Mit einer Erneuerung und Vertiefung der Beziehung zur Landesgemeinschaft der Krippenfreunde von Rheinland und Westfalen, der jährlichen Verleihung eines Preises für vorbildliches Krippenschaffen durch das Bistum Münster seit 1969, sowie einer Stärkung der Ausstellung durch ein jährliches Motto seit den 1980er Jahren gewann die Krippenausstellung zunehmend an Bedeutung und die Besucherzahlen stiegen jährlich auf über 40.000 an. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt mit der Eröffnung eines eigenständigen Krippenmuseums, eines modernen Neubaus von Josef Paul Kleihues, im Jahr 1994.

Doch was macht diese Ausstellung so bemerkenswert?
Es gibt seit einigen Jahren das moderne Schlagwort „Partizipation“. Diese Mitwirkung gibt es in der Krippenausstellung seit langem. Das zweite aktuelle Schlagwort heißt „Inklusion“. An der Krippenausstellung haben immer wieder Menschen mit Behinderung, Senioren mit demenzieller Erkrankung etc. teilgenommen. Die Ausstellung ist daher in einem umfassenden Sinne demokratisch. Dazu gehört auch der seit einigen Jahren vergebene Publikumspreis neben den Jurypreisen. Diese Prinzipien führen dazu, dass die Krippenausstellung Veränderungen innerhalb der Gesellschaft, aktuelle Themen und Krisen mit vollzieht. Das hält sie aktuell und spannend.

 

RELíGIO
Westfälisches Museum für religiöse Kultur
Herrenstr. 1-2
48291 Telgte
T. 02504-93120
museum@telgte.de
www.museum-religio.de

Öffnungszeiten

dienstags bis sonntags 11-18 Uhr

 

Leitmotiv
Fürchtet euch nicht
2019
Wettbewerbsbeitrag ars LITURGICA, 1. Platz. Modell: Immersive Installation aus Stahl, Glas, PVC-Schläuchen, LED Licht, semitransparentem Stoff, Holz und Stroh
30 x 27 x 27 cm, Maßstab: 1:10
Sabine Reibeholz (*1975)
Wuppertal
Künstlerin

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